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Was ist ein Bild?
»Was bedeutet der Pfeil für Sie als Künstler und Sammler von Pfeilen?«
Hannes Kater im Gespräch mit Studierenden der FH Augsburg
Dezember 2006, Berlin
Teil 1 zu Teil 2
Vorlauf
Benedikt Steinle und Daniela Fritsch saßen im Jahr 2006 bei Prof. Michael Stoll an der FH Augsburg in einem Seminar zum Thema "Pfeile" und hatten sich bei mir gemeldet und um ein Gespräch zum Thema gebeten, mit dem Ziel, später mehr oder weniger lange Auszüge daraus in einem Buch zu veröffentlichen. Auch Erik Spiekermann war angefragt worden und hatte bereits zugesagt, wußten die beiden zu berichten.

   Aus der Buchveröffentlichung ist dann nichts geworden und mit der von den Studenten angefertigten und mir dann zur Verfügung gestellten schriftlichen Fassung unseres Gesprächs war ich so unzufrieden, dass ich bis heute [April 2011] nur die Gesprächsaufzeichnung als mp3-File ins Netz gestellt habe.
   Hier nun das jetzt endlich ohne Auslassungen und Entstellungen transkribierte Gespräch:
Hannes Kater =
K
Studenten der FH Augsburg / Semesterprojekt „Pfeile“ =
S


Weblogeintrag vom 23.12.2006:


Vorspiel
K: Es gibt vorbereitete Fragen, habe ich gehört? Da bin ich aber neugierig.
S: Ja...
(Getuschel unter den Studenten)
Dann fange ich mal an. Herr Kater, wie kamen sie zum Pfeil? Und woher kommt die Leidenschaft, ich glaube es sind 800 Fotos bei Ihnen auf der Website mit Pfeilen. [Inzwischen sind es über 1230] Wie kam es dazu? Wieso?
Detail aus einem Brief von Hannes Kater an seinen Vater aus dem Jahr 1975.
K: (lachen) Ach, das hat ganz viele Gründe...
(
K zögert etwas... )
S: (darauf hin zeigen die Studenten Kater einen Brief, den er mit 10 Jahren geschrieben hat, siehe Abb. links) Das fand ich so cool...
K: (lachen)
S: Ich habe das mal ausgedruckt von Ihrem Blog. Da waren Sie ja 10 und ich finde das so geil, wie Sie das beschrieben haben mit den Pfeilen und allem...
K: Es gibt viele unterschiedliche Anlässe und Beweggründe, wie ich zum Pfeil gekommen bin. Ich kann mich nicht an die Zeit erinnern, ich kann nur versuchen, dass zu rekonstruieren. Zu der Zeit, als ich diesen Brief geschrieben habe, hat meine Mutter Grafikdesign studiert. Das war damals frisch umbenannt in Visuelle Kommunikation, das war in Berlin – und sie hat sich auch mit Zeichen beschäftigt. Mich hat das damals sehr interessiert, wenn auch eigentlich mehr deshalb, weil Kommilitonen von ihr Comics gemacht haben und ich habe mir die gern angeschaut. Und habe auch geguckt, was andere Kommilitonen von ihr gemacht haben. Und habe da, vermute ich mal, auch Arbeiten mit Pfeilen gesehen. Es gibt zumindest aus dieser Zeit eine Publikation, eine Semesterarbeit eines Seminars, an dem meine Mutter teilgenommen hat, über Pfeile, die hochschulintern herausgekommen ist, an der HdK Berlin, jetzt UDK. Ich habe vor ein paar Jahren mal meine Ma danach gefragt und die hatte die noch... ich kann mich aber an die Kinderzeit nicht erinnern.
   Das ist jetzt im nach hinein wieder ausgegraben worden... und das jetzt ist ein Brief, den ich damals an meinen Vater geschrieben habe und als er mitbekommen hat, dass ich mich für Pfeile interessiere, hat er ihn irgendwo ausgebuddelt.


Warum Pfeile?
K: Der eigentliche Anlass sich mit dem Zeichen Pfeil zu beschäftigen, kommt aus meiner zeichnerischen Arbeit. Eine Quelle aus der sich mein Zeichnen speist, ist das so genannte automatische Zeichnen, scribbeln oder doodeln. Man sitzt irgendwo rum, meinetwegen auch in einem Seminar, man langweilt sich zu Tode und kritzelt... und man macht einfach Linien auf dem Papier und guckt was passiert. Ein ähnliches Phänomen sind Telefonzeichnungen... ohne wirklich im Fokus zu sein auf das Zeichnen, krakelt man so rum. Und manchmal entstehen da interessante Sachen. Und wenn man das häufiger macht, und das systematisiert, fängt man an darüber nachzudenken: könnte das was bedeuten. Man laviert so zwischen zeichenhaften Formen Findungen, meinetwegen einem Kopf, ein Haus, ein Auto oder so was. Oder einfachen Krakellinien... und dann kannst du sagen, es gibt schöne Wellenlinien... Wenn man anfängt sich für eine einfache Linie zu interessieren, die auf dem Papier irgendwie da ist... und man fragt sich: was soll diese Linie. Man kann die jetzt fortführen, das es ein Quadrat gibt, aus dem Quadrat dann einen Kubus zeichnen, dass man eine gewisse Räumlichkeit simuliert – oder man kann einer irgendeiner gurkigen Linie eine Pfeilspitze machen. Und plötzlich ist aus einer harmlosen, nichts bedeutenden, Linie vermeintlich was geworden... Das ist ein ganz einfacher „Trick“, wie man aus einer Linie was machen kann. Und das ist mir irgendwann mal sehr aufgefallen, besonders bei den Telefonzeichnungen. Gerade beim Telefonieren macht man oft Pfeile, meinetwegen man muss noch irgend‘n Scheiß einkaufen – Pfeil drauf. Und ich habe mich dafür interessiert, wie kann man dieses absichtslose, vermeintlich automatische Kritzeln systematisieren und ausnutzen, als eine Basis für anderes Zeichnen. Es gibt etliche Künstler, die Telefonzeichnungen auswerten oder als Basis nehmen. Das war eine Quelle.
   Die andere Quelle war: wenn man einmal anfängt, sich für Pfeile zu interessieren und wenn man so unglaublich gerne spazieren geht wie ich, dann merkt man, dass man keinen Schritt im öffentlichen Raum tun kann, ohne auf Pfeile zu stoßen.
   Also: aus der privaten Auseinandersetzung mit Linien: wann bedeutet eine Linie was, und was passiert, wenn man eine Pfeilspitze an eine Linie macht – und wenn man einmal damit anfängt auf Pfeile zu achten im öffentlichen Raum, ist man überrascht, wo die einem überall begegnen.
   Ich hoffe, dass meine nächsten Antworten etwas knapper ausfallen.
S: (Giggeln bei den Studenten. Einer hebt an:) Ähmm...

Hannes Kater - Ich meine nichts, ich bin nichts, gebt mir eine Pfeilspitze
Weblog-Eintrag vom 01.12.2003
K: Ich kann noch was nachreichen: es gibt einen alten Demonstrationsspruch, den ich dann auf Pfeile umgewandelt habe. Das Original geht so: ich kann nix, ich bin nix, gebt mir eine Uniform. Das war gemünzt auf Polizei und Militär. Und für eine Linie kann man sagen: ich bin eine blöde Linie, ich bedeute nix, ich bin unwichtig... gebt mir eine Pfeilspitze! Plötzlich hat eine gurkige Linie eine vermeintliche Autorität. Oder Kraft. Oder Wirkung. Das ist wirklich lächerlich... Sogar eine Wellenlinie – [K setzt auf dem Papier an die Spitze einer Linie eine Pfeilspitze. Siehe auch Abb. vom Weblog-Eintrag vom 01.12.2003 links] und was ist weniger zielgerichtet als eine Wellenlinie – bedeutet plötzlich was. Und diese Reaktion auf Pfeile ist so verinnerlicht... und so unhinterfragt, das ist wie ein Reflex, dass man Pfeile ernst nimmt. Das ist absurd. Auch der innere Widerstand geht gegen null. Wenn ein Bademeister ruft: nicht vom Beckenrand springen!, dann denkt man doch: blöder Sack – und ignoriert den nach Kräften. Aber wenn da ein Pfeil ist und anzeigt: gehen sie mal da lang. Na okay, dann mache ich das.
S: Stimmt, ja. Was bedeutet der Pfeil für Sie persönlich, einerseits als Mensch im Alltag und andererseits eben als Künstler?
K: Na ja, „als Mensch im Alltag“ würde ich sagen, der Pfeil im öffentlichen Raum ist immer da zu sehen und taucht immer da auf, wo die Menschen nicht mehr sind, oder nicht mehr finanzierbar sind. Also wenn man ein Haus betritt, könnte da ja ein netter Mensch sein, eine Art Hausmeister, der einem weiter hilft, wenn man irgendwo hin will: „Guten Tag. Wo wollen sie hin? ... Ah, sie wollen zu der Firma Sowieso, die ist im dritten Stock, zweite Tür rechts.“
S: So wie das in Japan ist...
K: Genau. So bald man diesen Menschen weg rationalisiert, einspart, nicht mehr bezahlen mag, gibt’s eine Tafel mit Pfeilen.
S: Aber... Zum Beispiel an der Autobahn, da kannst ja keinen Menschen hinstellen.
K: Ja, das ist ein Sonderfall. Der ist auch sehr interessant. Aber noch mal zurück zu diesem Einsparen von Menschen. Man muss mehr Verantwortung selbst übernehmen und sich auch Dinge erarbeiten, der Service lässt nach. Je mehr Pfeile irgendwo sind, desto schlechter ist der Service, die Umsorgtheit, oder wie auch immer. Je mehr Geld man hat, desto weniger ist man mit Pfeilen konfrontiert. Weil: man ruft irgend jemanden an [bzw. lässt anrufen], dann fährt eine Limosine vor mit getönten Scheiben und da steigt man ein. Und dann hat man einen Chauffeur. Und der ist dann mit den Pfeilen konfrontiert.
S: Stimmt, ja.
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K: Und wenn man durch eine schlechte Wohngegend geht – und da gibt es eine Unterführung: da sind viele Pfeile. Oder man fährt mit öffentlichen Verkehrsmitteln und da gibt es einen Automat: nix als Pfeile.
Der andere Punkt jetzt, die Pfeile im Straßenverkehr, das ist ein Sonderfall. Die lassen sich geschichtlich herleiten von den Wegweisern. Die Wegweiser waren ja früher Arme mit Händen, also der bildliche Ersatz für einen Menschen der da an der Seite steht und sagt: da lang. Und einfach weil die Reichweiten der Fahrzeuge größer wurden, hat das nicht mehr funktioniert, und man musste auch auf Orte verweisen, die deutlich außerhalb einer normalen Fußgänger-, oder, wenn man beritten war, wie nennt man das... Pferde-Tagestour-Länge, oder so was, lagen. Das heißt, es gab abstrakte Ziele. Es gab eine generelle Richtung. Also meinetwegen: Richtung Paris da lang – auch wenn man, wenn man zu Fuß unterwegs war, ewig hätte laufen müssen.
Und da war dann klar, dass kann man nicht mehr mit so einem menschlichen Symbol machen, das funktioniert nicht mehr. Aber eigentlich ist auch da der Pfeil ein Ersatz für den Menschen. Also ein weg rationalisierter Mensch, eigentlich. Ein Pfeil ist eine Kommunikation, die reduziert worden ist. Ich kann nicht mehr nachfragen, ich kann nicht mehr in Frage stellen. „Sind sie auch wirklich sicher, dass ich in diese Richtung muss?!“ Das kann man einen Pfeil nicht mehr fragen. Der Pfeil ist eine einseitige Kommunikation, er sagt „ Da lang, friss oder stirb!“ Wenn ich aber auf einen Menschen treffe, kann ich fragen: ja, sind sie denn sicher? Es gibt ein „Paris“ als Hauptstadt in Frankreich, aber vielleicht gibt es ja ein anderes „Paris“ irgendwo in den USA?
S: ... (nicht zu verstehen)
K: Höchstwahrscheinlich. Da man könnte ja drüber diskutieren, ob man überhaupt über dasselbe „Paris“ redet. Aber mit einem Pfeil kann man nicht diskutieren.
S: Dafür ist der Pfeil aber – in diesem Kontext – massenkompatibler, als der einzelne Mensch, der da steht.
K: Ja. Und er ist extrem schnell. Und Schnelligkeit hat aber auch wieder mit Rationalität zu tun. Und der Pfeil ist deswegen auch ein ganz modernes Zeichen, oder das moderne Zeichen schlechthin. Weil: er beschleunigt. Er ist, auf eine gewisse Art und Weise, unmenschlich. Und, wenn man sich mit Pfeilen beschäftigt, ist das allererste was man macht: man verhält sich nicht pfeilkonform! Weil vor einem Pfeil stehen zu bleiben, ist falsch.
S: (lachen)


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Pfeilgerechtes
Verhalten?
K: Also anzuhalten. Einen Pfeil zu fotografieren ist eigentlich widersinnig. Denn: du sollst ja da lang. Die Schnauze halten und nicht stehen bleiben. Ein Pfeil hält dich in Bewegung. Und deswegen ist der Pfeil eigentlich auch etwas für den fließenden Verkehr. Das Flanieren beinhaltet ja auch das Stehen bleiben, eigentlich ist der Fußgänger, wenn er neugierig ist, wenn er offen ist, wenn er Zeit vertrödelt, gerade nicht pfeilkonform. Pfeilkonform bist du, wenn du im Auto sitzt und: zack, nicht links und rechts guckst, du hast ein Ziel, du willst irgendwo hin.
Es heißt ja immer, die Menschen hätten früher viel und hart gearbeitet. Das stimmt sicherlich... aber sie hatten, wenn sie jetzt nicht ganz und gar nur ausgebeutet wurden... wenn man da im 15. oder 16. Jahrhundert guckt, wie damals Menschen auf dem Land gelebt haben: es gab unglaublich viele Feste... und Anlässe, was zu zelebrieren. Die sind relativ gut miteinander umgegangen, und es gab ein Arbeiten, dass durchaus das links und rechts Gucken möglich machte. Und wenn man sich das näher anguckt, ist es auffällig, wie viel heute Leute, die eigentlich, rein theoretisch, es sich leisten könnten, mal nach links und rechts zu gucken, das gar nicht tun wollen, und gar nicht auf die Idee kommen, das zu machen. Das heißt, dass eine eigentliche Lebensqualität, was ist Leben mehr als einmal nach links und nach rechts gucken und Zeit haben, einfach nicht stattfindet. Wenn man das – ich kann mir so Vokabelmischungen nicht merken... man könnte das sicher sehr fein formulieren... diese internalisierte Arbeitsdisziplin... früher gab es den Gott und den Großgrundbesitzer, für den hat man gearbeitet. Man bekam Ärger, wenn man nicht gearbeitet hat. Das ist ja heute genau so. Aber wie weitgehend man schon ganz viel Sachen verinnerlicht hat und automatisch abspult... dafür ist der Pfeil ein Symptom. Wenn man sich durch den öffentlichen Raum bewegt, staunt man unglaublich wenig. Niemand achtet auf Details, alle rennen da durch, wie so kleine Roboter. Und dafür sind Pfeile sehr hilfreich. Sobald man aber innehält und sich einen Pfeil anguckt und fragt: sag‘ mal, blöder Pfeil, soll ich jetzt wirklich... und wieso eigentlich? – gefährdet man fast schon den gesamten Ablauf.
S: Ja...
K: Man stelle sich vor, jemand bremst auf der Autobahn, um sich einen Pfeil näher anzugucken: „Hmm, Pfeil, ich finde, du solltest 20 Zentimeter länger sein.“
S: (lachen)
K: „Sonst folge ich dir nicht.“ Oder so. Oder: „Was soll das eigentlich?“ Ein Pfeil steht also auch für: "nicht fragen". Frag nicht, halt‘s Maul. Es gibt kein Zeichen, was das mehr versinnbildlicht.
S: Da würde ich behaupten, dass sich die Gesellschaft dem Pfeil immer stärker angenähert hat.
K: Ja. Nicht umsonst ist der Pfeil auch so verbreitet. Man muss nur 100 Jahre zurück gehen, da gab es eigentlich de facto keine Pfeile. Es ist unglaublich, wie erfolgreich sich dieses Zeichen innerhalb ganz kurzer Zeit verbreitet hat und wie wenig das reflektiert wurde. Das ist ja ein Zeichen für einen unglaublichen Erfolg, wenn noch nicht mal drüber nachgedacht wird.
S: Ich finde das faszinierend und cool, was Sie gesagt haben... Zum Beispiel Spiekermann gestern, den haben wir auch so ähnlich drauf angesprochen, von wegen: Pfeile unterdrücken ja eigentlich die Menschen...
K: (lachen)
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S: ... simpel gesagt, und er hat das total abgebügelt – er macht ja auch Orientierungssysteme, er ist ja derjenige, der...
K: Orientierungssystem-Papst.
S: ... der die Pfeile den Menschen gibt. Der die macht, sich hinsetzt und sagt: hier, da, und so.
Er also: was heißt hier Unterdrückung, man muss doch wissen, wo man hin muss.
K: Es gibt natürlich immer beide Ebenen. Nichts ist schlimmer als ein Flughafen, wo man sich verläuft. Es gibt irgendeinen Holländer, der sich auf so was spezialisiert hat, der...
S: Paul Messenar.
K: ... der mit Assistenten und einer Videokamera 2,3 Tage in Flughäfen rum läuft und erst Mal die Situation untersucht und festgestellt hat, dass die Leute so gestresst sind, dass sie die Pfeile übersehen, man muss also die Pfeilmenge erhöhen... Alles ganz sinnvoll. Aber die Frage ist: ein Flughafen ist eine Sondersituation. Der Stress, den man, wenn man nicht jeden Tag fliegt, hat: man ist aufgeregt; Urlaub; und Hilfe! Und hab‘ ich was vergessen? Oder man hat Angst vorm Fliegen, oder sonstwas... eine Sondersituation. Aber eigentlich, wenn man sich das anguckt, gibt es scheinbar nur noch diese Sondersituationen, also der Flughafen ist überall.
Und das kann‘s eigentlich nicht sein.
   Gut: wenn man auf dem Land lebt... Seit dem mein Pfeilprojekt läuft, bin ich, wenn ich auf‘s Land fahre, richtig traurig, weil da so wenig Pfeile sind. Aber selbst wenn man durch den Wald läuft, findet man Pfeile: dieser Baum soll gefällt werden. Oder das ist der Wanderweg da lang.
Pfeildichte hat natürlich was zu tun mit Verdichtung. Also nicht nur, dass die Menschen immer enger aufeinander hocken, das tun sie ja gar nicht, zumindest in Deutschland nicht, aber eine Verdichtung von Abläufen, als eigentlich das, was Produktivität ist, was Effektivität ist... Das ist ja aus einer bestimmten Perspektive durchaus sinnvoll, aber es nicht nur Vorteile für die Lebensqualität. Ich möchte nicht nur effektiv handeln. Das macht einfach keinen Spaß. Ich bin ja keine Maschine. Man braucht Pausen und man braucht die Möglichkeit, mal etwas nicht selbstverständlich zu machen. Nicht halbautomatisch, reflexhaft... und all das, was man gemeinhin mit Bewusstsein beschreibt... Bewusstsein ist eben nicht das, was reflexhaftes Handeln ist. Und Auto fahren ist nun mal eine Tätigkeit, wo ganz viele Vorgänge halb-automatisch ablaufen. Und es gibt irgendwo ein schönes Zitat, was mir immer sehr gefallen hat, was Autofahren mit surrealistischem Handeln verglichen hat. Was da gefordert wird an halbbewusstem und halbautomatischem Arbeiten, eben bestimmte Prozesse fließen zu lassen, ohne dass man drüber nachdenkt... diesen Kitsch-Surrealismus kann man abgleichen, nicht im Ergebnis, aber in den Beschreibungen der Vorgehensweisen, mit autofahren. Wen man mit Tempo 200 fährt, darf man nicht nachdenken. Das ist wie so‘n Fluss. Und das hat einen Rausch, eine Qualität. Manche Leute fahren ja Auto, wenn sie traurig sind. Man kommt in einen anderen Modus. Aber das Leben kann ja nicht darin bestehen, in diesem Modus zu sein, zu fahren, sozusagen. Wenn man das überträgt. Es gibt ja noch andere Lebensqualitäten... das ist ein Ausblenden, Ausweichen. Leidensfrei. Widerspruchsfrei.
S: Diese Form der Effektivität muss natürlich beim Autofahren gegeben sein.
K: Klar.


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Bewusster Um-
gang mit Pfeilen?
S: So viel kann dein Gehirn bewusst nicht leisten, es muss einige Dinge ins Unterbewusstsein schieben. Aber bei Orientierungssystemen würde ich behaupten: man muss sich das, was mit einem gemacht wird, immer wieder ins Bewusstsein holen. Das heißt, man muss sich dieser Autorität bewusst sein.
S2: Der ist sich doch keiner bewusst.
K: Man ist sich der nur bewusst, wenn die Situation frisch und unbekannt ist. Und dann regen sich die meisten auf oder schieben Panik. Wenn man sich irgendwo hinsetzen würde, an einem großen Bahnhof oder Flughafen, dann kann man sehr gut sehen, wer schon oft an diesem Ort war, oder wer zum ersten Mal da ist. Das sieht man daran, wie die Leute gucken. Und das ist ja auch alles okay. Nur ich finde, das wird zu wenig... hinterfragt – das ist jetzt ein blödes Wort. Bestimmte Lebensqualitäten rutschen einfach aus der Aufmerksamkeit der Menschen, die so leben. Man kann nicht immer hundertprozentig bewusst sein, aber es gibt dann doch die Tendenz, dass man sich zu unbewusst bewegt. Und zu automatisch bestimmte Dinge macht. Ein etwas hinkendes Beispiel ist für mich der Fall der Mauer: wenn man die Leute 1988 gefragt hätte, glaubt ihr, dass die Mauer fällt? Nein. Nie, never. Und dann ist das passiert. Und die Antworten vorher konnten so nur stattfinden, weil man geprägt ist, eine bestimmte Lebensform akzeptiert hat, bestimmte Umstände akzeptiert hat, weil man das gar nicht leisten kann, dass immer zu hinterfragen. Und manchmal gibt es historische Momente, wo man ganz arg drauf gestoßen wird, dass es doch sinnvoll ist, das manchmal zu tun.
S: Wenn wir jetzt noch mal auf das ganz plakative Beispiel eingehen, von dem Pfeil im Alltag, wo die Leute geleitet werden. Ist es nicht so, dass sich bestimmte Verhaltensmuster eines Individuums, bestimmte Reservate bewahren, das heißt, das ich mir diese Ineffektivität, die mir meine Lebensqualität gibt, vielleicht zu Hause oder im Urlaub oder so was, leisten möchte, aber dafür, wenn ich im Alltag, wenn ich durch die Stadt laufe, ich muss was einkaufen, dass ich da den Zwang zur Effektivität in Kauf nehme?
K: Ja, klar. Das Problem ist eben nur, dass man dann das andere zu gucken zu vergessen und aufhört, dass Gesehene zu be-, bzw. hinterfragen. Die Gefahr ist natürlich: Abstumpfung, Gewöhnung. Und das ist natürlich nicht nur ein Fehler von dem Zeichen Pfeil oder von Ordnungssystemen, sondern das ist anscheinend etwas, was in der menschlichen Natur liegt. Diese unglaublich Anpassungsfähigkeit von Menschen an Situationen und Strukturen zum einen, und das auch gleichzeitig als gegeben hinzunehmen. Der Pfeil ist natürlich schuldlos. Aber es gibt einen Umgang mit dem Zeichen Pfeil und es gibt natürlich auch Strukturen, in denen man sich freut, dass die Leute nicht mehr fragen. Ohne dass das jetzt Verschwörungstheoretisch sein soll, aber...


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Ist der Pfeil
schuldlos?


S: Ich würde gerne die Behauptung, dass der Pfeil schuldlos ist, ein bißchen weiter verfolgen.
K: (lachen)
S: Der Pfeil, ist der tatsächlich nur Mittel zum Zweck? In den er reingesetzt wird in diesen Zweck. Oder ist er nicht vielleicht Subjekt?
K: Ich würde das differenzieren. Der Pfeil ist als Zeichen, wenn er irgendwo auftaucht, nicht neutral. Und er ist nicht unideologisch. Da müsste man sich semiotisch noch mal fit machen... Natürlich ist ein Pfeil erstmal Farbe und Fläche, die eine Außenkontur hat. Und schuldlos. Aber sobald er als Zeichen eingesetzt wird, ist er nicht neutral. Es gibt eigentlich kein neutrale Äußerung. Und das wird eben oft ausgeblendet. Mir ist eine Parallele von dem häufig benutzten Begriff Sachzwang mit dem Zeichen Pfeil aufgefallen. Für mich ist der Pfeil das Zeichen, welches diesem Begriff in der Zeichenwelt am nächsten kommt. Dem Begriff Sachzwang und dem scheinbar widerspruchslos hinzunehmenden Argument: wir haben da einen Sachzwang, also müssen wir das so machen. Wenn man die Zeit und die Nerven hat, macht es immer Sinn das zu hinterfragen, wieso das eigentlich so selbstverständlich sein soll. Sachzwang ist immer der Hinweis darauf: es ist nicht ideologisch“, vermeintlich. Weil Sachzwang heißt ja: die Umstände sind so, also müssen wir dem entsprechend handeln. Und das ist ja nie so. Also wenn man weit genug und tief genug fragt, gibt es eigentlich keine nicht ideologische Handlungsnotwendigkeit.
S: Was mir da gerade nicht ganz klar ist: in wieweit muss man die Ideologie in die Verwendung des Pfeils mit rein nehmen, ist der Pfeil schon ideologisch, wenn er von einem Ideologen gebraucht wird um zu zeigen, wo es in seine Küche geht?
K: (lachen) Ach je, ich hab da ein bißchen Probleme, das so zu definieren. Zum einen würde ich immer vom Einzelfall ausgehen... wenn man die Zeit hat, die man sich nehmen sollte. Und zum anderen ist das so eine semiotische Korinthenkackerei, die mit dem normalen Leben eigentlich wenig zu tun hat. Man müsste das abklopfen... jetzt im Gespräch kann ich das glaube ich nicht leisten. Aber eigentlich gibt es sozusagen keinen unschuldigen Pfeil, wenn er irgendwo eingesetzt ist. Und zwar nicht, weil das Zeichen als solches das ist, sondern weil es immer einen Verantwortlichen gibt, der das da hin gemacht hat. Und der hat ja auch mehr oder weniger bewusst Gestaltungsentscheidungen getroffen. Deswegen bin ich schon oft kritisiert worden, dass ich Leute angepflaumt habe in meinem Webblog gesagt habe, von wegen, was habt ihr da für einen scheiß Pfeil hin gemacht. Der sieht unmöglich aus. Oder habt ihr euch überhaupt bewusst gemacht, wie man den lesen kann. Da kann man natürlich sagen: okay, die hatten keine Ahnung. Aber sie haben trotzdem den Pfeil aus irgendeinem Grund so aussehen lassen, wie sie ihn dann eingesetzt haben.
Aber es gibt keinen unschuldigen Umgang mit dem Pfeil. Man kann das nicht trennen. So ein Glas... [K hebt das Glas vor sich auf dem Tisch etwas an] ist unschuldig, aber ich kann mit dem auch schmeißen oder jemanden umbringen. Es gibt kommunikationstheoretisch ja auch immer die Frage „Was ist Kommunikation?“ Und da gibt es unterschiedliche Definitionen. Es gibt die konservative Definition die ungefähr so geht: es gibt da etwas, was gesendet wird und eine Partei die empfängt und es gibt die Möglichkeit der Korrektur, der Rückfrage. Das ist die konservative Kommunikationshaltung. Und es gibt dann zum Beispiel von den Konstruktivisten, den radikalen Konstruktivisten und Watzlavik, in die Welt gesetzte Aussage: „Man kann nicht nicht kommunizieren“. Und das ist ein schöner Spruch, aber auch unglaublich unproduktiv. Weil das eine Unschärfe in die Kommunikationsdebatte bringt. Und ein Pfeil ist eben so ein Grenzfall. Er ist verantwortet und damit nicht unschuldig. Und der Pfeil gibt dir halt wenig Möglichkeiten das zu hinterfragen. Eine normale Kommunikation ist eben das: man betritt ein Haus und da gibt es jemanden und man fragt: sag mal, wohnt die Frau Soundso im dritten Stock? Und dann ist die Antwort ja oder nein – oder meinen Sie jetzt die Mutter oder die Tochter? Das heißt, es gibt die Möglichkeit der Klärung dessen, was da eigentlich kommuniziert wird. Und die gibt es eben beim Pfeil nicht. Aber es ist trotzdem eine Kommunikation. Und es gibt keine unschuldige Kommunikation. Man kann natürlich sagen, bevor man mit dem Pfeil kommuniziert, ist er unschuldig. Aber diese Situation gibt es nicht. Deswegen ist das... Ehmm...
S: Eine komplett abstrakte Ebene.
K: Ja. Da könnte man jetzt philosophisch... vielleicht bin ich jetzt ein bißchen unpräzis, aber im normalen Umgang gibt es den unschuldigen Pfeil nicht. Man kann dann noch philosophisch drüber nachdenken, wie auch immer man das konstruiert.


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Der Pfeil in Katers Kunst


S: Welche Rolle spielt der Pfeil in ihrer Kunst? Könnten sie vielleicht sogar ohne ihn auskommen?
(Pause)
K: Naja, ... (lachen) Ich habe glaube ich erstmal gar keine Lust ohne ihn auszukommen. Ob ich ohne ihn auskommen könnte? Kann sein. Was mich in meiner Arbeit interessiert, unter anderen, ist wie Dinge mit einander in Beziehung stehen und welche Kräfteverhältnisse herrschen. Wenn man sagt Gleichgewicht – oder nicht, ist etwas gleichgewichtig... Was hat wie mit einander zu tun? Und wo hört etwas auf, wo fängt etwas anderes an? Was sind Grenzen und wie werden die eingehalten, wahrgenommen, geachtet oder auch ignoriert. Und da ist der Pfeil ein schönes Zeichen, weil man mit einem Pfeil sehr gut Grenzverletzungen darstellen kann. Nicht umsonst sind Pfeile sehr beliebt zum Darstellen von Truppenvormärschen. Die Truppe XYZ geht über die Grenze: das gibt einen Pfeil in der Grafik. Mich interessiert in meiner Arbeit, meine Vorstellung von bestimmten Situationen abzubilden... eigentlich Beziehungen. Viele Arbeiten beschäftigen sich – mehr oder weniger bewusst und mehr oder weniger real ausformuliert – mit Beziehungsgeflechten und was da stattfindet. Da ist der Pfeil einfach ein wunderbares Zeichen.
S1: Setzt er in diesen Beziehungen Hierarchien oder ist das eher unverbindlich?
S2: Oder ist der Pfeil vielleicht sogar ein Leitsystem um ihre Bilder zu erklären oder zu verstehen?
(Pause)
K: Also... ein Text hat eine Leserichtung. Und ein Bild funktioniert über Sehgewohnheiten. Die ja auch immer wieder studiert werden. Es gibt so Kameras, die Augenbewegungen aufzeichnen und es gibt eine kunstgeschichtlich tradierte Form, man fängt links oben an und hört rechts unten auf, was wieder geprägt ist von Leserichtungen.
   Wenn man dagegen arbeiten – und ein hin und her erreichen will, dann ist der Einsatz eines Pfeiles eine gute Möglichkeit. Das heißt – Hierarchie ist vielleicht zu viel gesagt – aber es gibt eine Abfolge, die man mit Pfeilen nahelegen kann. Und man kann auch widersprüchlich mit Pfeilen arbeiten... was ich sehr interessant finde, weil der Pfeil vermeintlich so klar und eindeutig ist und eben deshalb gut zu gebrauchen oder auch zu missbrauchen ist, um was komplett Widersprüchliches darzustellen.
   Manchmal, wenn man durch kleinere Städte geht, und da ist eine Innenstadt und da gibt es Situationen, wo Einbahnstrassenschilder ungeschickt aufgebaut worden sind, so, dass, wenn man sie geschickt fotografiert, man denken kann, da gibt es eine Strasse, die ist in beide Richtungen Einbahnstraße... und das fällt einem sofort auf. Das ist „Ha!“, das ist ein Witz, das kann man als Postkarte verticken... der Pfeil in seiner vermeintlichen Klarheit führt natürlich ganz schnell zu einer Unklarheit, wenn man ihn widersprüchlich einsetzt. Wenn das Thema der Arbeit ist – und bei mir ist es das auch – also, eine nicht eindeutige, eine ambivalente Situation – wenn man das darstellen will, dann ist das vermeintlich klare Zeichen Pfeil sehr praktisch. Und wenn man sagt: Hey, es gibt diese Leserichtung, aber man kann es auch genau anders herum sehen: Prima. Oder, ein anderes Beispiel, habe ich gerade gelesen, es gibt einen Band über vergessene Comic-Zeichner, irgendwie aus den USA – und da habe ich einen Zeichner entdeckt, der hat Comics gemacht, die man lesen konnte... und dann hat man sie umgedreht und da gab es eine zweite Ebene.
S: Echt?
K: Ja.
S: Cool.
K: Es gab für beide Lesrichtungen Text. Das war natürlich recht eingeschränkt. Es gab zum Beispiel einen Vogelschnabel, der dann ein Boot wurde, wenn man das umdrehte, ein simpler Kahn. Ich habe das nur im Netz gesehen, kostet um die 40 Euro und war auf Englisch... ehe ich mir das bestelle. Vielleicht gibt es das in Berlin, hier gibt es gute Comicläden, mal gucken... Aber sehr interessant. Wirklich ganz primitiv: dieses auf den Kopf stellen. Und ein Pfeil ist „für so was“ gut zu gebrauchen, weil er vermeintlich so eindeutig und verständlich ist. Sobald die gegeneinander arbeiten – und das ist gar nicht so einfach ins Bild zu setzen, ohne das es irgendwie... ehmm, also wenn man gegenständlich arbeitet wird es oft so ein bißchen surrealistisch oder auch sehr didaktisch. Mann / Frau, oder was gibt es da. Stark / klein... Und da sind Pfeile ganz schön.


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Doppelpfeile und
Pfeilkreuze


S: Was passiert, wenn die Pfeile gegeneinander arbeiten?
K: wenn man sie ernst nimmt, gibt es einen Kurzschluss im Gehirn. Oder man nimmt sie nicht ernst: das ist auch nicht schlecht.
S: ?
K: Also beide Möglichkeiten sind nicht schlecht. Erst Mal.
S: Ich denke da jetzt zum Beispiel an das Logo der New York Metro Transit... oder so. Das sind im Endeffekt [S zeichnet das Logo] nur zwei Pfeile, die übereinander sitzen und in entgegengesetzte Richtungen zeigen.
K: Da kann man sämtliche Transport-Unternehmen, ob es nun Speditionen oder öffentlicher Nahverkehr ist, die haben alle diesen Doppelpfeil. Weil da angezeigt wird, Sie können mit uns in die und in die Richtung fahren.
   Wenn Sie da Sachen veröffentlichen – da hat mich gerade jemand drauf hingewiesen – also diese London Underground U-Bahn Zeichen, da gibt es einen Gebrauchsmuster-Schutz für, wenn Sie das ins Netz stellen, oder in ein Buch nehmen, zahlen Sie da richtig bitter Kohle drauf, wenn Sie da erwischt werden. Falls Sie das irgendwo publizieren wollen, müssen Sie das unbedingt vorher rausfinden, ob es da einen Gebrauchsmusterschutz drauf gibt.
   Zum Beispiel gibt es so was [
K zeichnet], dass hat ja auch was mit Expansion oder hin- und herbewegen zu tun. Und das ist was, wo man sagen kann, dass ist ein Pfeilkreuz, oder ein Kreuz, was in Pfeilspitzen endet. Und dann wäre meine Frage: Was denken Sie, was das ist?
S: Ehm?
K: Ich habe dieses Zeichen mit dem verglichen – und ich habe eine Abmahnung bekommen. Auf sofortige Unterlassung, mit Androhung auf Gegendarstellung.
S: Was?
K: Weil das ist ein Zeichen, was von einer obskuren religiösen Geschichte benutz wird, noch ein bißchen anders aussieht, aber genau so, weiß auf rotem Grund, [K zeichnet] sind die Pfeilkreuzler, das ist eine faschistische Partei in Ungarn.
S: Pfeilkreuzer?
K: Pfeilkreuzler. Die sind ganz kurz noch an den Drücker gekommen vor dem Ende des zweiten Weltkriegs. Und so ähnlich sieht ein Zeichen einer Künstlergruppe aus, die
S: Echt?
K: (lachen) ... und ich habe darauf hingewiesen, also, das mich deren Zeichen an das der Pfeilkreuzler erinnert... und die waren richtet gepisst.
S: (lachen) Na, okay. Hätten sie sich was anderes überlegen sollen.
K: Tja, die haben gedroht mit Anwalt... da habe ich es erst Mal rausgenommen aus dem Weblog...
S: Oh...
K: Ich habe mich beraten lassen, die Chancen, dass man da verliert, sind nicht ganz klein. Das kostet dann Geld und ich habe noch nicht Mal eine Rechtsschutzversicherung. Ich muss unbedingt mal was abschließen. Weil das Internet ist schweinegefährlich, mit Abmahnungen und so. Das kann mich immer erwischen.
   Auf jeden Fall. Ist ein Pfeil ideologisch – oder nicht? Das war eine Frage. So was [
K zeigt auf Pfeil] hat sehr viel mit Expansion zu tun. Da wird ein Potential, ein Vermögen, oder eine vermeintlich machbare Sache vorgestellt oder angedeutet. Und alle Transportfirmen, selbst hier in Berlin die BVG, in Kassel, in Hamburg... Die Schweizer Bahn hat so ein Doppelpfeil... also überall tauchen diese Doppelpfeile auf. Und Speditionen haben teilweise auch diesen Vierfachpfeil, das Pfeilkreuz. Und die Faschos haben natürlich auch so einen Pfeil: hier, wir wollen die Welt erobern.
S: Hm.
K: Und das Hakenkreuz war schon vergeben. Und in der Wikipedia, da habe ich extra noch mal nachgeguckt, die behaupten, dass sei das zweitschlimmste antisemitische Zeichen weltweit.
S: Was!?
K: Behauptet Wikipedia. Müsste man natürlich noch mal recherchieren. Die [Pfeilkreuzler] haben innerhalb kürzester Zeit eine ganze Menge Juden noch umgebracht und ziemlich viel Scheiße gebaut. Die sind relativ spät an die Macht gekommen, als eigentlich alles schon den Bach runter ging. Und zwar unterstützt von den Nazis in Berlin, weil die dachten, so könnten sie da eine Revolution verzögern.
S: (fassungslos und ungläubig)
K: Bevor ich da Scheiße erzähle: da müssten Sie halt noch mal nachgucken. Die politische Situation war am kippen und ehe sich da Leute zusammentun, die sich von Deutschland abseilen, haben sie denen halt noch mal kurz an die Macht verholfen.
   Wenn man den Pfeil mit dem anderen, weltweit verbreiteten Zeichen, dem Kreuz, vergleicht, fällt auf, dass das Kreuz, vielleicht auch, weil es schon so lange im als Zeichen im Gebrauch ist, ganz unterschiedlich belegt war und ist, also mit Bedeutung, und dass es ganz unterschiedliche Ausformungen vom Kreuz gibt. Beim Pfeil fällt auf, dass es erstaunlich wenig Möglichkeiten gibt, den zu differenzieren, bzw. zu modifizieren.
Ne. Blah.



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Geschichte des
Zeichens "Pfeil" I


S: Wissen sie etwas über die Geschichte des Pfeils?
K: Ich hab ein bißchen recherchiert. Ich war mir nicht so ganz sicher – und habe das extra noch mal nachgeguckt: ich habe mal eine Email von Ihrem Professor bekommen, Stoll heißt der, glaube ich.
S: Echt!?
K: Ja, vor einem Jahr etwa. Von wegen: Hallo Herr Kater, ich kann leider zu einem Vortrag, der bei Ihnen angekündigt ist zum Thema Pfeile nicht kommen, aber wenn Sie mal nach Augsburg kommen, dann können wir ein Bier trinken. Oder so ähnlich. Und: ja, die Publikationslage zum Thema Pfeil sieht wirklich sehr dünn aus. Das ist wirklich so und damit kommentierte er eine Äußerung von mir auf meiner Website. Das wenige, was ich gefunden habe, habe ich, mehr oder weniger legal zitierend ins Netz gestellt, die Abbildungen habe ich in der Regel nachgezeichnet und verändert, so dass das mit den Bildrechten nicht so schlimm ist. So... Es gibt eben diese hinweisende Hand , die auch relativ spät erst auftaucht, ich habe die genauen Zahlen jetzt nicht mehr im Kopf, im 16. Jahrhundert glaube ich – und das läuft natürlich parallel mit der Mobilitätswerdung der Menschen in Europa, als es üblicher wurde, dass man sich wieder mehr über längere Distanzen bewegte. Es gab das Römische Reich, das ist zusammengebrochen [als Verwaltungseinheit], weis der Geier, wie die das damals geregelt haben. Da habe ich nichts gefunden, da würde ich mich freuen, wenn Sie sich die Mühe machen würden, da ein bißchen zu recherchieren... und dann, als Europa sich wieder gerappelt hat, ging das dann los mit den Hinweisschildern an Straßen. Der eigentliche Übergang zum Pfeil als Richtungszeichen im Straßenraum hat dann Ende des 19., Anfang des 20. Jhd. stattgefunden. Eigentlich mit dem Aufkommen des Autoverkehrs. Für den Bahnverkehr habe ich keine Belege für den Einsatz des Pfeils als Richtungszeichen gefunden. Aber das ganze 19. Jahrhundert ist erstaunlich schlecht dokumentiert, was so Alltagsgestaltung, Gestaltung von Verpackungen und so was... es ist schwer, da gezielt etwas zu suchen. Und das hier ist von 1926/27, das ist eine der ersten Festlegungen, wie so ein Straßenverkehrspfeil auszusehen hat. (K liest) „Ministerial-Blatt für die Preußische innere Verwaltung 88/1927, Anlage 1“. In Italien waren sie etwas früher dran. Das putzige ist, und das habe ich dann wieder nicht online gestellt, weil ich da Schiss hatte mit den Abbildungsrechten, das die ersten Straßenschilder ganz neoliberal so finanziert wurden, dass da Werbung drauf war.
S: (ungläubiges lachen)
K: Das war 1924, Fiat und Pirelli in Italien, die hatten ein Interesse an der Beschilderung der Straßen, damit sie ihre Produkte verkaufen konnten, und so gab es auf jedem Straßenschild Werbung, was diese Firmen haben aufstellen lassen. Zu der Verkehrsschilddichte damals kann ich nichts sagen. Und zu der Zeit, zwischen 1915 und 1925, hat im öffentlichen Raum nachweisbar der Wandel vom kriegerischen Pfeil, bzw. dem Pfeilzeichen mit dem Widerhaken vorne und dem Gefieder hinten, zum abstrakten Pfeil stattgefunden. Der gefiederte Pfeil als Wegzeichen ist häufiger nachweisbar erst ab 1850, also unglaublich spät. Und wenn man sich überlegt, dass der Wandel zum abstrakten Pfeil erst so um 1915 eingesetzt hat, dann sind dass keine 100 Jahr abstrakter Pfeil! Und dafür ist der Erfolg des Zeichens unglaublich. Und es ist verblüffend, dass es da keine Literatur gibt.
S: Interessant. Besonders spannend finde ich da auch die Parallelen, die man zur Entwicklung der Typographie oder des Designs ziehen kann.
K: Aber die Grotesk ist ja älter...
S: Ja.
K: Also deutlich älter. Aber auch wieder entstanden für Werbung im öffentlichen Raum, bzw. Beschriftung im öffentlichen Raum. Weil man da festgestellt hat, dass man mit den Serifen nicht so weit kommt. Man könnte natürlich jetzt vergleichen, dass Widerhaken und Befiederung die „Serifen“ des Zeichens Pfeil waren...
S: Hm.
K: Da könnte man durchaus Analogien ziehen. Je mehr die Fernwirkung von Nöten war, desto abstrakter wurde der Pfeil. Und dann ging es einfach auch ratzfatz. Wobei der Pfeil natürlich von vornherein mit dem Autoverkehr konfrontiert war. Nun waren die Geschwindigkeiten damals sehr viel geringer als heute, aber die ersten Ladenschilder mussten ja noch bei ganz anderen Geschwindigkeiten funktionieren. Das heißt, der Wandlungsdruck auf das Zeichen Pfeil war deutlich größer als auf die Schrift. Deswegen ging das auch so schnell und schmerzlos. Die Grotesk hat sich, glaube ich, sehr viel langsamer durchgesetzt, aber ich bin jetzt auch kein Schriftexperte.
S: Sehr langsam. Die meisten Leute haben sie auch komplett abgelehnt, zunächst.
K: Daher auch der Name: Grotesk.
S: Genau.


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Ein Pfeil generiert
Aufmerksamkeit


K: Beim Pfeil hat sich keiner die Mühe gemacht, eine spezielle Bezeichnung für den nicht befiederten Pfeil zu finden. Und es ist aber auch historisch schon so, dass die Menschheit, also die zivilisierte Menschheit zumindest, einfach schon so vorbereitet war auf diesen Wandel... da waren alle Widerstände schon gebrochen, die Leute waren schon an so Kram gewöhnt... Ich weiß gar nicht, wie man das beschreiben soll... der Pfeil ist einfach so durchgerutscht. Als Zeichen. Die Diskussionen haben anhand der Typografie stattgefunden [und anlässlich des Aufkommens der Eisenbahn und vorher der allgemeinen Industrialisierung].
S: Da fällt mir ein... Gestern hat uns der Herr Spiekermann erklärt, warum niemand in seine Schriften das Symbol Pfeil einbettet.
K: Das stimmt übrigens nicht.
S: Es gibt einige wenige. Und er macht das inzwischen sehr oft. Und er hat dafür eine klare Begründung, warum das bisher so gut wie niemand gemacht hat, lag einfach darin, dass es schlichtweg die Leute nicht verlangt haben, dass ein Symbol in einem Zeichensatz drin ist, was ja eben... also ein konkretes Symbol in einem abstrakten Schriftsatz. Heutzutage wird es eben immer aktueller, den Pfeil in Kombination mit der Schrift zu verwenden. Da verschwimmen ein bißchen die Grenzen.
K: Der Pfeil ist natürlich nicht weit weg vom Zeichen „@“. Also im Einsatz. Pfeil und Telefonnummer – oder Emailadresse mit „@“... Der Einsatz von Zeichen wie dem Pfeil deutet natürlich immer auch darauf hin, man ist modern. Man ist zeitgemäß. Man ist schnell. Man ist effektiv. Also all diese Assoziationen, die immer mitlaufen... es ist ja auch ganz legitim, damit zu arbeiten.
S: Dieses: ein Pfeil sagt mehr als 1000 Worte. Zum Beispiel.
K: Genau.
Ein Pfeil generiert Aufmerksamkeit. Das ist unglaublich verblüffend. Weil man es sich einfach nicht leisten kann, einen Pfeil zu übersehen. Das Risiko, was daraus folgen kann, einen Pfeil nicht richtig wahrzunehmen, ist so groß, dass man immer hinguckt. Weil man sonst irgendwo... (lacht)
S: Der wird auch eher angeguckt als Text.
K: Ja. Man kann es sich nicht leisten, ihn zu ignorieren. Damit wird auch viel Schindluder getrieben, klar. Hier: guck hin! Guck hin! Guck hin! Pfeil.
S: Sie schreiben auf Ihrem Blog zu diesem Fundstück hier [was war das?], das Symbol Pfeil sei von der Waffe losgelöst. Können sie das näher erklären?
K: (lachen) Ich habe natürlich zwei, drei Sachen gelesen, und ich weis jetzt nicht, ob das auf meinem Mist gewachsen ist, da vermischt sich jetzt viel. Es ist natürlich so, dass der Pfeil, verwand auch mit dem Speer, der auch manchmal zum Zeigen benutzt wurde, natürlich naheliegend war, weil er eine Distanzwaffe, eine der ältesten Distanzwaffen, ist, er hat eine ganz klare Richtung, die mehr oder weniger berechenbar ist und ist so nachvollziehbar für den Zweck, nur das der Abstraktionsgrad nicht so hoch ist... wer mit einem Pfeil auf ein Tier schießt, zeigt ja mit dem Pfeil auf das Tier, das ist ja nachvollziehbar. Wenn man so will ist der früheste Einsatz von solchen Pfeilen als eine Art Zeichen in den mehr oder weniger rituellen Höhlenzeichnungen. Man spekuliert, dass die Pfeile [allerdings: das könnten auch Speere sein. Who knows?] in einer Art performativen, ritualisierten Handlung gezeichnet wurden, die dann das Objekt [was ebenfalls an die Höhlen-Wand gezeichnet war] trafen. Es wird erst ein Objekt, ein Tier, an die Felswand gezeichnet und dann zeichnet man den Pfeil, wie er das Tier trifft. Das ist eine magische Handlung, die ja auch nachvollziehbar hilft – wenn man dran glaubt sogar noch viel mehr – aber es ist eine Form von Konzentration, von Vorwegnahme eines Ergebnisses, und das hilft alles. Und diese Idee und Vorstellung ist einfach so naheliegend, dass sie sofort funktioniert hat, wenn man denn den Pfeil ablöst von dieser kriegerischen Handlung. Der eigentliche Abstraktionsprozess ist nicht, dass der Pfeil irgendwo drauf zeigt, sondern dass der Pfeil nicht mehr fliegen kann, real. Der Abstraktionsprozess des irgendwo drauf Zeigens ist meiner Meinung nach... findet eigentlich erst statt aus irgendeinem Grund, der eigentlich auch wieder recht nahe liegend ist, dass das Zeichen Pfeil dem Ursprungspfeil recht nahe geblieben ist. Die Pfeilspitze ist einfach schön und sinnvoll und gibt eine Richtung vor, das kann man nachvollziehen. Und dann war nicht mehr viel zu abstrahieren. Dieses drauf zeigen... man kann mit einer Pistole auf jemanden zeigen oder mit Pfeil und Bogen... man weis, jetzt steht man vor so einem Ding, man kann getroffen werden.
S: Liegt nicht das symbolische Potential im Pfeil eigentlich darin, dass Bewegung dort angezeigt wird, wo gar keine Bewegung ist? Das ist natürlich grundsätzlich eine Sache, bei der man sich mit Piktogrammen auseinander setzen muss. Aber: jeder versteht einen Pfeil als Bewegung, als Bewegungsrichtung. Aber es ist ja keine Bewegung dar, sondern nur ein Symbol, was an der Wand ist.
K: Da kann man schon den Unterschied machen zum Waffen-Pfeil, weil beim Waffenpfeil, das war auch die Schwäche des Zeichens, immer noch imaginiert werden konnte, dass der Pfeil sich bewegt. Beim abstrahierten Pfeil ist die Bewegung übertragen worden auf den oder das, was da drauf guckt. Der Pfeil als solcher bewegt sich nicht mehr. Der Pfeil ist ein Wegweiser. Es gibt so ein blödes Statement über Philosophen, es gibt oft den Vorwurf an Philosophen, dass sie beschreiben, wie man Leben soll, aber selber leben sie nicht so. Deren Antwort: der Philosoph ist der Wegweiser. Und der Wegweiser ist nicht identisch mit dem Ziel. So redet sich der Philosoph raus, der säuft und rum hurt und dann aber...
S: (lachen)
K: Das ist natürlich eine Abstraktionsebene.


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Ein Zeichen ist
Nicht das, wofür
es steht


K: Aber jedes Zeichen ist nicht das, wofür es steht. Oder worauf es verweist. Das ist zeichentheoretisch Grundlage. Sonst würde das überhaupt nicht funktionieren, man wäre relativ schnell am Ende. Jedes Foto ist nicht das, was es abbildet. Und da gibt es natürlich auch ein Training, was auch mit unserer Gesellschaft zu... Zeichenumgang. Und damit ist dann auch klar: keiner erwartet von dem Zeichen Pfeil, dass das sich jetzt bewegt. Klar. Sondern: es ist ein Wegweiser, es weist jemand anderem den Weg. Und die Richtung.
S: Das heißt, die eigentliche Eigenschaft, oder die eigentliche Abstraktion, liegt nicht darin, dass der Pfeil sich nicht mehr bewegt, sondern dass der Pfeil die Bewegung auf den Betrachter überträgt. Kann man das so sagen?
K: Früher musste man weg springen, wenn ein Pfeil auf einen zeigte... da war man auch genötigt, sich zu bewegen. [Jemand steht von vornherein am Zielpunkt, dem Endpunkt, der realen – oder auch imaginierten – Flugbahn (wenn der Pfeil nicht abgeschossen wird) und wird, falls der reale Pfeil auf die Reise geschickt, also in Bewegung gesetzt, wird, und der Pfeil dann auch seinen Weg richtig nimmt, ruhig gestellt und nicht in Bewegung gesetzt...]
S: ...
K: Ja, schon klar, das war jetzt anders gemeint. Also, was das Zeichen Pfeil vom realen Pfeil übernommen hat, ist das zeigen auf etwas. Wobei die Zeichenwerdung beinhaltet, dass dieser Verweis nicht mehr real ausgeführt werden muss, von dem, was da weist. Also, ich kann ja einen Pfeil und Bogen nehmen und einfach so zeigen... es gibt ja auch genug Skulpturen, wo ein Mann oder eine Frau einen Bogen spannt und ... man imaginiert den Moment, wo die loslassen, dann fliegt der Pfeil los. Beim Zeichen Pfeil wird sozusagen nicht mehr losgelassen... und der Bogen ist ja auch weg. Oder die Armbrust später.
   Das müsste man mal recherchieren: es gab sicherlich viele Gesten oder Rituale, was man mit Pfeilen machen kann: man kann einen Pfeil überbringen, oder: vielleicht gibt es zur Eröffnung der Jagdsaison einen Pfeil? Oder man schenkt jemanden einen Köcher mit Pfeilen, die besonders wertvoll sind. Oder man zerbricht einen Pfeil als Zeichen für einen Frieden... Mit Waffen ist ja ganz viel auch symbolisch gehandelt worden. Waffen sind von vornherein auch dafür da, dass sie gezeigt werden, dass sie gar nicht erst zum Einsatz kommen. Die Abschreckungsphilosophie ist ja nicht erst mit dem Atomwaffenarsenal entstanden, die gab es schon vorher. Oder Händeschütteln: ich habe keine Waffe in der Hand. Die Zeichenhaftigkeit in dem Umfeld ist ganz tradiert.
S: Kriegsbeil begraben...
K: Genau. Das ist ja das, was auch Menschen von Tieren unterscheidet, die Fähigkeit zum symbolischen Handeln. Die ganze Kulturleistung spielt sich auf dieser Ebene ab. Was Kunst ist, was Kult ist... das sind immer stellvertretende Handlungen, die mit Stellvertretern für... irgendwas gemacht werden. Eigentlich wie mit Puppen spielen (mit verstellter Stimme): Mama, essen ist fertig.
S: Jetzt, wo Sie das Stichwort Kult und Kultur genannt haben, in meiner historischen Recherche bin ich da schnell an einen Punkt gekommen, wo ich nicht eindeutig klären konnte, was zuerst da war: die Waffe oder das Symbol.
K: Das kann man ganz klar sagen. Die Waffe war zuerst da. Das einzige, was man noch näher untersuchen müsste, wobei man aber immer im Spekulativen bleibt, sind die Höhlenzeichnungen. Alles andere ist eindeutig.
S: Warum gerade da?
K: Weil bei den Höhlenzeichnungen nicht immer klar ist, ob wirklich Pfeil und Bogen abgebildet werden sollten... höchstwahrscheinlich schon. Man meint auch Speere ausmachen zu können, die anders dargestellt sind als Pfeile. Interessant wäre rauszufinden, ob es irgendwo eine evolutionäre Sackgasse gab, wo Speere, bzw. Speer-Zeichen, als Hinweise benutzt wurden. Und nicht nur spaßeshalber, zitathaft, sondern ernsthaft. Das wäre dann der Neandertaler, der irgendwann ausgestorben ist: der Speer hat sich als Zeichen halt nicht durchgesetzt. Wobei der Speer oft kaum zu unterscheiden ist vom Pfeil. Das einzige, was ihn wirklich deutlich unterscheidet, ist seine Länge. Und der erste, der darüber theoretisch gearbeitet hat und versucht hat, was zu definieren, war Paul Klee, soweit ich weis. Und der hat von einer „Pfeilbahn“ geschrieben, was sozusagen der Schaft wäre... Na gut, dass ist schwer zu unterscheiden. Eine längere Pfeilbahn wäre dann ein Speer.
S: Das ist natürlich jetzt schwer zu sagen, ob man mit diesem Schaft, mit dieser Linie, die Bahn darstellt, oder die Länge des Gegenstandes, wenn man wieder gegenständlich denkt... [Missverständnis: „Pfeilbahn“ bei Klee meint den „Pfeilkörper“, also die Linie ohne Pfeilspitze.]


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Klee


K: Klee ist davon ausgegangen, dass bestimmte Längen, und Winkel von der Pfeilspitze, unterschiedliche Bedeutungen haben könnten. Ich glaube der Speer liegt einfach nicht so nahe, weil der Speer von der Reichweite deutlich geringer ist. Pfeile haben 300 Meter geschafft, das schafft kein Speer.
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Pfeilbahn
Weblog-Eintrag vom 12.11.2003
S: Wir hatten ja eingangs festgestellt, dass man, wenn man einen Pfeil ansieht und stehen bleibt, im Endeffekt nicht konform arbeitet.
K: Handelt.
S: Handelt... Wie würden Sie Ihre Wahrnehmung von einem Pfeil im Alltag, wenn Sie einen Tee kochen, eine Dose aufmachen, irgendwo ein Pfeil auftaucht, wie würden Sie das mit dem Verhalten eines Normalbürgers im Bezug auf den Pfeil, verglichen?
S2: In Anführungszeichen jetzt: Normalbürger. Sagen wir mal: Sie sind ein Pfeilverrückter, und alle anderen sind halt nicht pfeilverrückt, sondern normal... Wo wäre da der Unterschied? Wenn es denn einen gibt?
K: Na, dass ich manchmal anhalte, während andere weitergehen. Ich nehme mir mehr Zeit. Das Innehalten vor einem Pfeil oder mit einem Pfeil zusammen innehalten. Wenn man im öffentlichen Raum fotografiert, gibt es ja auch immer mehr Ärger und Rechtsprobleme... und ich gebe mir immer Mühe, möglichst freundlich zu reagieren, wenn ich darauf angesprochen werde, was ich da fotografiere. Und die meisten, die sich meine Erklärungen anhören wollen, und nicht sagen: hier, verpissen Sie sich, die können das akzeptieren, dass ich mich für Pfeile interessiere, halten es aber für seltsam.
S: Und was lösen falsch gerichtete Pfeile bei Ihnen aus?
K: Ich freue mich!
S2: Echt?
K: Ich freue mich über jeden idiotischen Pfeil.
S1: Das ist ja schon mal ein Unterschied [zum Normalbürger].
K: Ich freue mich über jeden Pfeil, den ich in Frage stellen kann. Ich freue mich über schlechte Pfeile mehr als über gute oder richtige Pfeile, weil ich da mehr lerne. Das ist so eine Art professionelle Deformation... also, wenn man malt oder zeichnet, und man besucht eine Ausstellung, dann sind oft die missratenen Arbeiten, oder die sehr missratenen Arbeiten, interessanter, als die gelungeneren Arbeiten, weil man da mehr sieht. An Fehlern lernt man oft mehr, was möglich ist und was nicht möglich ist, als an den gelungenen Arbeiten, wo man schlechter einhaken kann. Was mich auch interessiert, ist rauszufinden, in wie weit man bestimmte Fragen überhaupt „in Sprache bringen“ kann, die Pfeile betreffen.
   Wenn man z.B. anfängt mit den Versuchen von Klee, der einfach gesagt hat, es gibt da die Pfeilbahn. Ich habe es eine zeitlang mit Pfeilkörper probiert, weil ich mit Pfeilbahn nicht glücklich war. Man fängt überhaupt erst mal an die Sprache darauf abzuklopfen, kann sie bestimmte Phänomene beschreiben? Und probiert dann teilweise auch selbst erfundene Wörter, oder aus anderen Sinnzusammenhängen übertragene Wörter, aus. Und definiert Kategorien und versucht das einzusortieren. Und eigentlich ist die Grundhaltung gar nicht so sehr Verweigern, sondern es überhaupt erst mal zu versuchen, das zu verstehen. Meine Herangehensweise ist gar nicht so negativ, ist schon tendenziell etwas bockig – von wegen: ich mach hier nicht jeden Scheiß mit – aber ich will eben überhaupt erstmal versuchen das Phänomen in Sprache zu bringen. Meine zeichnerische Arbeit hat mit so einer Grenzwertigkeit zwischen Zeichen, Zeichnung und Sprache zu tun und ich zeichne eben Verhältnisse, die ich auch verbal schlecht beschreiben kann. Das sind so emotionale Haushaltssituationen, die ich da zeichne. Und der Pfeil ist nun auch so ein Zeichen, das oft benutzt wird, um erstmal nicht Sprache zu benutzen. Also ein Pfeil ersetzt ja – im negativen Sinne – nicht nur Menschen und Service und es gibt keine Möglichkeit nachzufragen... sondern ein Pfeil hat, wie wir ja schon festgestellt haben, je nach Kontext und wie er denn auftritt und wie er gestaltet ist, immer auch eine Intention und kann gelesen werden. Und ich möchte überhaupt erstmal soweit kommen, das was da an Differenzierungsmöglichkeiten drin steckt, in Worte zu fassen. Und eine These ist natürlich, dass, je nachdem wie ein Pfeil gestaltet ist, er eigentlich auch immer was anderes meint. Und das er. Je nach dem, wie der Kontext ist, etwas anderes meint. Es gibt ironische Pfeile, es gibt parodistische Pfeile, es gibt postmoderne Pfeile, es gibt konservative Pfeile, es gibt traditionelle Pfeile, usw.


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Gibt es traurige
Pfeile?


S: Gibt es traurige Pfeile?
K: (lachen) Ja, gibt es auch.
S: Können Sie uns einen zeichnen?
K: Das ist schwierig, weil ich finde, dass gezeichnete Pfeile so schnell nicht traurig sind. Gezeichnete Pfeile haben oft eine unglaublich menschliche Wirkung. Dieser handschriftliche Aspekt, der da drin ist, das Handgemachte, nimmt oft ganz viel raus. Bzw. prägt den Pfeil in eine ganz bestimmte Richtung. Es gibt diesen skizzenhaften Pfeil, von wegen, da müssen Sie lang gehen, in einer Lageskizze oder einem Einkaufszettel.
   Nee, traurige Pfeile... den Pfeil als solchen kann man trimmen, aber dass ist so eine Scheiß-Aufgabe für das zweite Semester Grafikdesign: machen Sie eine traurige Typografie... und dann kommen da irgendwelche Tränenformen. So was meine ich jetzt weniger. Es gibt Pfeile in Kontexten, die, wenn man sich dem aussetzt, eher trist sind. Trostlos. Traurige Pfeile sind zum Beispiel oft lieblose Pfeile in lieblosen Situationen – und da bieten sich besonders Behörden an. Noch nicht modernisierte...
S: Hm...
K: Wobei, in Berlin gibt es zum Beispiel „Bürgerämter“... und wenn die sind vor drei Jahren in irgendeine Investionsruine eingezogen sind und die hatten dann einen Designer... dann ist alles glatt und rund – und auch langweilig. Und dann gibt es Behörden, die seit ewigen Zeiten in irgend welchen Scheißhäusern sind, beige, braun, miefig, und jedes Büro hat seinen eigenen kopierten Pfeil draußen hängen... jeder Pfeil ist anders... und dann hat da vielleicht noch wer mit einem Marker reingemalt... das ist unglaublich trostlos. Aber auch menschlich. Und in so Kontexten würde ich sagen, gibt es traurige Pfeile. Und es gibt Pfeile, wo Du siehst, hier wird nie effektiv und schnell gearbeitet werden, das sagt der Pfeil. Oder der Einsatz des Pfeiles: wie der Zettel ist, dann ist der Pfeil kopiert oder ausgedruckt – und er sitzt nicht richtig auf dem Blatt. Das Blatt ist schief angehängt mit zwei unterschiedlichen Tape-Sorten... und Du denkst einfach nur: mein Gott, da hat einfach jemand überhaupt keine Wahrnehmung. Für nix. Und das spiegelt sich dann in allen Details wieder, eben auch in den Pfeilen. Oder es gibt Firmenlogos, wo Du denkst: das ist so dumm... Naja.
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   Da fällt mir noch ein interessantes Detail ein, dass habe ich extra heute morgen noch raus gesucht. Es gibt ein Logo mit Pfeil, was immer wieder Preise bekommt und gelobt wird... vor ein paar Jahren gab es die besten 35 Logos im Rolling Stone, und da ist es auf Platz 8 gekommen. Und das ist das Logo von FedEx.
S: Ja klar.
K: Und da sehen ganz viele den Pfeil nicht drin. Das ist so klasse gemacht... das ist intelligent. Und dann denkt man doch: hey, vielleicht sind die, also die Firma, auch sonst clever. Ich habe ein Interview gefunden mit dem Gestalter, der meinte, als er das vorgestellt hat, haben zwei Drittel der Vorstandsleute den Pfeil nicht gesehen.
(lachen)
Das Logo ist intelligenter als der Vorstand.
S: Hm.
K: Okay, man muss da auch vorsichtig sein... welche Rückschlüsse kann man sinnvoller Weise ziehen? Je perfekter jemand etwas macht – irgendwann wird es ja auch eklig. Das kippt dann ja auch wieder: wenn etwas zu clever und zu... das mag man dann auch wieder nicht.
Also: es ist schwierig. Es ist viel Projektion. Es ist viel Spaß dabei. Und das man behauptet, ein Pfeil sei traurig... oder clever... Na ja.


Lindon Leader hat für das 1994 gestaltete Logo für FedEx viele Preise gewonnen...

Im Rolling Stone Magazine konnte sich das Logo nach den folgenden platzieren:
Apple, Coca-Cola, Nike, IBM, Starbucks, McDonald's und Playboy.
Kulturelle Unter-
schiede

K: Und es gibt natürlich auch kulturelle Unterschiede: der Pfeil im Straßenverkehr im öffentlichen Raum in England sieht anders aus als der deutsche Pfeil. Die Spitzen sind anders. Und es gibt auch einen „geradeaus“ oder „nach oben“ Kulturunterschied.
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Pfeilbahn
Auch im heutigen Straßenverkehr gibt es unterschiedliche Konventionen, wie die Fahrtrichtung "geradeaus" angezeigt wird:
Autobahnschilder mit Pfeilen aus Deutschland (oben) und der Schweiz (unten)
   Auf den Autobahnen in Deutschland ist ein „Geradeaus“ ein Pfeil nach oben, in der Schweiz ist ein „Geradeaus“ ein Pfeil nach unten. [Was ja durchaus „enger“, und weniger durchlüftet wirkt.] Und es gibt was, dass hat mal ein Freund für mich fotografiert: es gibt einen Freizeitpark in der Nähe von Bremen mit dem Namen „Universum“ [Science Center nennen die sich] ... und so gibt es Schilder, auf denen neben dem Wort „Universum“ ein Pfeil nach oben zeigt. Total bescheuert...
S: Cool.
K: Beam me up, Scotty.
S: Jetzt, wo Sie es gerade sagen, vorhin auf der Autobahn habe ich es gesehen... es gibt ja einerseits die Schilder, die quasi die Topografie der nächsten paar 100 Meter darstellen, hier geht es rechts raus und noch mal geradeaus...
K: In der Schweiz nach unten, in Deutschland nach oben, fällt mir gerade ein.
S: Dafür gibt es aber auch Schilder, wenn dann diese Gestelle über die Autobahn gehen und jede Spur einen Pfeil bekommt, die Pfeile gehen aber dann nach unten. [?] [siehe auch Anmerkungen zu LP 126 unten im Text]
K: Das ist schwierig, das einheitlich zu regeln... wer denkt an so was? Da gibt es dann wieder diesen Holländer, wo ihr den Namen wisst...
S: Ich weis jetzt nicht, ob das Mijksenaar oder Melleroth war...
K: Mijksenaar klingt richtig, Paul. Genau. In Flughäfen, wenn die Leute so richtig gestresst sind, wird die Nach-oben-oder-geradeaus-Frage so richtig zum Problem. Und deswegen gibt es zum Pfeil noch eine Rolltreppe oder eine einfache Treppe mit dazu, von wegen: Sie müssen jetzt nach oben, und nicht geradeaus.
(
K steht auf und entfernt sich vom Tisch, an dem das Gespräch bis jetzt stattgefunden hat. Jetzt hört man ihn von weiter weg, irgendwo im Raum, sprechen)
Ich weiß nicht, etwas Zeit habe ich noch... aber es läppert sich jetzt ein bisschen aus, oder?



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